Projekt Baby. Projekt Finn.
Eigentlich hab ich mir gar nichts vorgestellt vor der Geburt. Ich hatte weder positive noch negative Erwartungshaltungen. Ich dachte, das haben andere schon vor uns geschafft, das schaffen wir auch. Werden wir auch. Aber Elternsein ist doch schwieriger als gedacht. Und es sind halt nicht alle Babies gleich. Ich muss und werde über kurz oder lang akzeptieren dass Finn so ist wie er ist und basta.
Früher dachte ich alle Babies wären gleich. Schauen alle gleich aus und benehmen sich auch alle gleich. Jetzt weiss ich dass alle Babies anders ausschauen und dass jedes Baby ein Individuum ist. Manche schlafen viel, andere gar nicht, manche schlafen mit einem Lächeln auf den Lippen selig ein, andere müssen vorher 2-3 Stündchen wie am Spiess schreien, bevor sie zur Ruhe kommen. Manche werden gern getragen, andere im Kinderwagen rumkutschiert. Manche sind heiter und fröhlich, andere grantig und mies gelaunt, als ob sie es satt hätten ein Baby zu sein. Manche haxeln und strampeln den ganzen Tag und die halbe Nacht, andere liegen ruhig in der Gegend rum.
Unser Frischling führt uns diese Woche an den Rand der Verzweiflung bzw. noch 2-3 km drüber. Wenn er sonst auf einer Babyschwierigkeitsskala (wo 1 easypeasy und 10 superhöllenbaby ist) eine 5-6 war, ist er diese Woche eine glatte 10. Er isst erratisch und plärrt zwischendurch, ist massiv ungeduldig, schlaft untertags noch nachts kaum und schreit stundenlang wie am Spiess.
Flo nimmts gelassen, steckt sich Ohrstöpsel in die Ohren und meint 'Ein Einzelkind wär eigentlich auch okay.' Meine schon etwas angeknackste psychische Disposition nimmts weniger gelassen. Meistens heul ich mit ihm mit, schrei zurück oder schick Stossgebete an Finn's und meine Schutzengerl. Als Jungeltern geht man bei einem weinenden / schreienden Kind zuerst mal alles durch: Hunger? Durst? Saugbedürfnis? Zu kalt? Zu warm? Windel voll? Bauchweh? Wenn man dann alles durchhat, tat was man konnte und Baby trotzdem weiterbrüllt, dass einem die Ohren drönen, alle Beteiligten und Nicht-Beteiligten im Umkreis von 1km betreten und mitleidig dreinschauen, dann hilft nur Geduld, Ausdauer und Nerven wie Gondelseile auf der Höss.
Ich visualisier mir in diesen Schreistunden oft sein lächelndes Gesicht. Und denk daran, dass es immer auf die Perspektive ankommt. Wir könnten ein schlimm behindertes Kind haben. Ich denk an die Mütter in Pakistan, die mit ihren Neugeborenen und Kleinkindern durch die Fluten waten und alles verloren haben. Und ich denk an Marion's Worte die vor kurzem meinte 'Ulli, ihr habt das, was so viele wollen' und dann üb ich mich in Dankbarkeit für mein manchmal schreiendes Kind. ;) Und ich übe mich in Azeptanz. Akzeptanz dass mein Baby eben so ist wie es ist. Nicht so brav wie andere und nicht so leicht wie ich das angenommen hab, sondern dass es halt aus den verschiedensten Gründen so ist und so schreit. Und Akzeptanz dass mein Leben ein völlig anderes ist wie noch vor 10 Wochen. Ich seh unser Kind immer mehr als Lehrmeister und als Chance, mein Leben zu entschleunigen. Vor Finn waren es immer irre viele Tagesordnungspunkte bis ich abends todmüd ins Bett fallen konnte, jetzt mit Finn schaff ich ausser Baby wechseln, Baby beruhigen, Baby tragen und Baby stillen (fast) nichts. Und das ist oft schwer für mich, zu akzeptieren.
Man klammert sich in diesen Tagen und Wochen an alles, was einem vom Umfeld angeboten und geraten wird: Homöopathie, Bachblüten, Einschlafrituale, Routinen befolgen, Einschlagdecken zum Pucken kaufen, und und und...
Wenn man die Hunger/kalt/Windel-Liste durchhat, sucht man woanders eine Erklärung, warum das Baby sich so wild aufführt:
Hat ihn vielleicht die Osteopathin am Montag verhext? Oder ist es doch ein Wachstumsschub? Oder gehören wir gar zu den 20% von Eltern, denen ein Schreibaby geschenkt wurde? Oder alle 3 Sachen zusammen?
Wer weiss das schon genau! Auf eine Bedienungsanleitung für mein Baby würd ich jedenfalls schreiben: 'Achtung Baby. High Maintenance.'
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