so scheint es. Schlafen ist unser Nr. 1 Thema. Es ist schon eigenartig verkehrt: Als Baby hat man alle Zeit der Welt um zu schlafen und kann (im Sinne von nicht wissen wie das geht) es nicht und als Erwachsener, wenn man endlich gelernt hat, wie man ein-, durch- und lang schläft, dann hat man die Zeit dazu nicht mehr.
Zwar sind die Nächte schon nicht so schlecht mit manchmal bis zu 4.5h Schlaf am Stück (in schlechten Nächten wird er halbstündlich bis stündlich wach, d.h. er wird schon wieder wach als ich gerade wieder vom letzten Mal aufwachen am einschlafen bin...), doch sollte ein Baby auch tagsüber zwischen 5 und 6 Stunden schlafen. Wir kommen im Durchschnitt auf 4 Stunden und die wird er ausschliesslich getragen weil er alles andere konsequent verweigert.
Ich stell mir manchmal vor, wie es wäre wenn Finn mit 13 Wochen, also jetzt, in den belgischen Kindergarten gehen würde, wie es hier üblich ist. Dort würde ihn niemand tragen. Eine Hebamme meinte, die Babies sind so clever und merken dass sie diese Tragenummer im Kindergarten nicht mehr schieben können und schlafen dann plötzlich in einem Bett. Puh...kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
Unser Kinderarzt riet uns, auf dieses Thema angesprochen und ob er nicht einen Tipp hätte, wie wir Finn zum horizontalen Schlafen überreden könnten: Hinlegen, unsere Hand auf seinen Bauch legen und 'Du bist ein tapferes Baby, jetzt schläfst du ein' zu sagen. AS IF... Da kann ich nur lachen...bzw. weinen...
Würden Flo und mir nicht schon Schwarzenegger Rückenmuskeln gewachsen sein, um unser 6.5kg Pinkerl durch Brüssels Parklandschaft zu tragen, müssten wir uns wohl einen nepalesischen Träger einfliegen, der unseren Sohn dann stundenlang für 200 Rupees (2 Euro) schlafen trägt.
Flo und ich erfinden ja jede Woche die Welt neu. Im Grunde tragen wir Finn ja gerne. Wäre da nicht unsere Umgebung, die uns immer wieder sagt, wir müßten unserem Kind das schlafen 'lernen' und dass das ja nicht 'norma' sei. Und ihn notfalls halt auch mal schreien lassen. Würden wir wissen, dass diese Einschlaftips und -techniken auch wirklich funktionieren, in 2, 3 oder auch 10 Tagen, würden wir sie auch durchziehen. Da aber am Ende eines solchen Schlafexperiments sowohl Baby als auch Mama in Tränen aufgelöst sind und Baby sowas von gar nichts geschweige denn schlafen gelernt hat, suchen wir noch immer nach Alternativen und anderen Schlaflösungsstrategien.
Im grunde gibt es 2 Theorien und wir entscheiden uns jede Woche neu für zweitere, ein bisschen wie in einer Ehe, wo man sich auch immer wieder bewusst für den Partner entscheiden muss, wenn die See mal rauh ist:
Theorie 1 'Eltern müssen Baby das Schlafen 'lernen'
indem sie dem Baby die Gelegenheit geben, in seinem Betterl zu schlafen und nicht nur auf Mama oder Papa schlafen oder an der Brust einpennen. Dazu gibt es unzähle Tips und Ratschläge wie das denn gehen soll, ja die Läden sind voll von Einschlafratgebern.
(Wohlgemerkt benötigen nur Eltern solche Bücher, deren Babies schwer einschlafen. Meli's Tochter Nora muss man nur eine Windel übern Kopf ziehen und sie schläft ein. Lyndsey's Tochter Serena macht immer und überall die Augen zu wenn sie halt müde ist, ob im Kinderwagen, im Bett, auf der Krabbeldecke oder im Maxicosi. Rachel's Sohn Emil schläft ein, wenn man Emil gepuckt zu Adele's 'First Love' herumträgt.)
Viele Schlaftipps besagen dass Baby nicht an der Brust einschlafen soll, weil es dann verwirrt ist, wenn es aufwacht und keine Brust mehr da ist und ohne nicht in den Schlaf zurückfindet. Wiederandere (darunter einige Freunde und auch die belgische Kinderfürsorgeanstalt!) plädieren für kontrolliertes Schreienlassen.
Bei allen Ideen geht es im grunde darum dass Baby möglichst schnell selbständig wird, nachts durchschläft und tagsüber friedlich in seinem Bett liegt damit Mama und Papa das ihre tun können. Schlafen im eigenen Bett, alleine einschlafen, Stillen nach Zeitplan. Und dass Babies sehr anpassungsfähig und lernfähig sind und man ihnen unsere Routinen und Abläufe praktisch anlernen oder anders ausgedrückt aufzwingen kann.
Theorie 2 nenn ich die Baby-bedürfnisorientierte Theorie
Die Verfechter dieser Theorie, u.a. der bekannte Kinderarzt und vielfacher Vater William Sears, sind davon überzeugt dass es der Job der Eltern ist, die Bedürfnisse des Babies zu befriedigen. Stillen nach Bedarf, Familienbett. Früher oder später verschwinden die Bedürfnisse des Babies, wenn auf diese eingegangen wurde und es entstehen neue Bedürfnisse. Man könne einen Säugling auf gar keinen Fall verwöhnen und er muss auch nichts lernen nur weil es für die Eltern halt bequemer wäre. Jedes Kind hat andere Bedürfnisse, das eine braucht sehr viel Nähe und will nur getragen werden, das andere will rund um die Uhr stillen, das nächste, das was wir in unserer heutigen Gesellschaft als 'braves' Baby bezeichnen rührt sich kaum, schläft tagsüber brav und allein und nachts durch, lächelt viel und weint wenig. Ein Blick in verschiedene Elternforen zeigt dass es diese Babies zwar gibt aber genauso gut auch die anderen liebesbedürftigeren, anspruchsvolleren Zwerge. Auf deutsch werden die ganz 'schlimmen' 'Schreibaby' genannt, mir gefällt der englische Ausdruck 'high need baby' aber viel besser.
Gratulation an die Eltern, die so ein 'Baby für Anfänger-Eltern' haben und Mut den Eltern, die ein schwieriges Baby haben, das sehr starke Bedürfnisse hat, das nicht immer toll in unseren schnelllebigen Alltag passt und das weiss, wie es diese lautstark zum Ausdruck bringt.
Florian und ich machen uns permanent gegenseitig Mut, dass es nicht an uns und unseren schlechten Elternfähigkeiten liegt, sondern dass Finn eben so ist wie er ist. Akzeptanz. Wir möchten seinen jetzt schon recht stark ausgeprägten Willen nicht auf Teufel komm raus brechen, weil das oder der Trick bei Freunden funktioniert hat. Wir schwingen mit ihm mit und versuchen Tag ein Tag aus mit einem high-need baby zu überstehen und dabei nicht darauf zu vergessen uns über unseren wunderschönen Sohn zu freuen, wenn er uns frühmorgens übers ganze Gesicht anstrahlt wenn Gott das Licht aufdreht.
PS: Ich wünschte nur dass die Geburtsvorbereitung etwas kürzer dafür Elternvorbereitung umso länger und ausführlicher bzw. überhaupt angeboten würde. Bei der Geburt kommt man eh nicht aus, Baby kommt, ob man nun weiss was ein Wehentropf macht, was eine Tens-maschine ist und in welchem Abstand Presswehen kommen.
Aber dann nach 5 Tagen im Krankenhaus mit einer Packung Pampers, Aloevera-Arsch-auswisch-Tinktur und dem Ratschlag 'Good enough parents are the best' ins Elternleben hineingeworfen zu werden, find ich einwenig schwach.
Vielleicht wär der Start ins Elternleben leichter gewesen, wären wir darauf vorbereitet gewesen dass (manche) Babies ohne Einschlafprogramm geliefert werden, was ein high-need baby ist, wie man mit einem Geburtstrauma umgeht, warum Babies abends besonders unruhig sind, wie man mit Blähungen und Koliken umgeht und welche Probleme beim Stillen auftreten können. Vielleicht eine Marktlücke...ich denk mal darüber nach ;)
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