Freitag, 10. September 2010

Ich bin getragen, ich werde getragen, ich schlafe getragen.



Viel haben wir in Österreich übers tragen von Baby gesprochen. Und sehr oft haben wir uns verteidigen und rechtfertigen müssen, dass wir unser Kind so viel tragen. Ganz klar gibt es auch was das tragen angeht, so wie bei sovielen Dingen die Baby betreffen, 2 Extremmeinungen und einiges dazwischen.
Die eine Seite sagt, tragen verwöhnt. Baby soll möglichst noch als Säugling möglichst selbständig werden u. alleine einschlafen lernen und können. Dass man auch schon einen Säugling mit soviel tragen verwöhnen kann. Und dass das ja auch auf die Dauer gar nicht geht, weil 1. Baby bald viel zu schwer wird und 2. man ja zu nix kommt wenn man Baby ständig mit sich rumträgt.

Hört sich in der Theorie ja auch nicht so schlecht an: Alle paar Stunden lege ich Klein-Finn in seine Kiste, er schließt zufrieden die Augen und macht ein kleines Nickerchen. Unsere Realität schaut seit nunmehr 11 Wochen aber ganz anders aus:
Finn schläft untertags ausnahmslos getragen, im Tragetuch oder im Marsupi. Natürlich wäre es fein, ihn auch mal woanders als an mich oder Papa geschnallt und gebunden schlafen zu sehen. Aber die paar Versuche, ihn so lang brüllen zu lassen, bis er auch im Stubenwagen einschläft, hat immer er beendet weil er schlussendlich die stärkeren Nerven bewies und ich ihn mir wieder ins Tragetuch genommen hab. Auch Kinderwagen ist keine Option. Sobald er hineingelegt wird, schläft er max. 20 min. Auch Einbinden und dann schlafend in den Stubenwagen transferieren funktioniert nicht weil Finn ist ein kleines ausgefuchstes Kerlchen und merkt sofort dass da was nicht stimmt und Gehirn gibt Alarm 'nicht die Mama, nicht die Mama, das merk ich sofort, wollt ihr mich für blöd verkaufen?'
Dann kommen die Unkenrufe aus der Umgebung: Selber Schuld, ihr habt ihn verzogen mit eurem ständigen Herumgetrage. Der kennt ja nix anderes, da musst du jetzt durch und Nerven bewahren und ihn so lang schreien lassen bis er sich eben (mit Gewalt) an den Kinderwagen gewöhnt hat. Da kommt man ja zu nix im Haushalt wenn man immer das Baby-Pinkerl vor sich hertragt. Das hats zu unserer Zeit nicht gegeben. Jedes Kind kann in seinem Betterl schlafen lernen. Und so weiter und so fort.

Gott sei Dank gibt es dann auch die andere Seite, v.a. Freundinnen in meinem Alter (danke Marion und Susanna), die ihre Kinder auch sehr viel getragen haben. Ja, die Rückenmuskulatur wächst mit und man kann auch noch eine 1-jährige problemlos einige Stunden am Tag tragen.

Ich hab es irgendwann, nach immer wieder Ringen mit mir selbst (hätt halt auch gern einen schicken Kinderwagen oder würd gern mal ohne Baby auf Brust geschnallt aufs Klo gehen wollen!) und Argumentieren mit der Umwelt für mich akzeptiert: Mein Sohn wird getragen. Soviel und solange er möchte. Weil nichts anderes kennt er aus dem Mutterleib. Er hat ein großes Bedürfnis nach Nähe (Stichwort physiologische Frühgeburt, in den ersten 12 Wochen empfindet sich das Baby noch als eins mit der Mutter). Und ein Bedürfnis verschwindet dann, wenn es erfüllt ist. Es ihm abzgewöhnen würde heissen, ihm etwas nehmen, das ihm wichtig (und psychisch gesehen lebenswichtig) ist, weil es für mich bequemer ist. Und ihm das Bedürfnis nach Nähe und getragen werden abzugewöhnen würde erstens gegen die Natur gehen und zweitens einen gewaltigen Kampf mit viel Tränen (von Seiten der Mama als auch des Babies) bedeuten. Wieso uns allen das antun? Und jemand schlauer hat mal gesagt, ein Kampf ist es immer dann, wenn du von deinem Kind etwas verlangst, was es (noch) nicht leisten kann.
Nochdazu wo das Tragen eigentlich ausschließlich Vorteile hat:
Getragene Kinder mit viel Körperkontakt sind zufriedener, schreien weniger und sind psychozozial bzw motorisch fitter. Richtiges tragen fördert darüberhinaus die gesunde Hüft- und Wirbelsäulenentwicklung.

Ich glaube dass er wenn er älter und selbständiger wird automatisch weniger getragen werden will und selbst auf Erkundungsreise gehen werden wird, robbend, krabbelnd, gehend. Ich bin der ganz starken Überzeugung dass Tragen die Eltern-Kind Bindung und das so wichtige Urvertrauen stärkt. Und dass man mit dem Verweigern das Gegenteil erreicht wird. Das soll natürlich nicht heissen dass Eltern, die nicht tragen, keine guten wären. Es gibt ja auch Kinder, die werden nicht gern getragen und sind urhappy im Kinderwagen. Das sind meiner Theorie zufolge eben die, die weniger Bedürfnis nach Nähe brauchen. Finn war für seine zarten 11 Lebenswochen schon soviel unterwegs und wenn man die Schwangerschaft miteinberechnet hat er schon mehr von der Welt 'erlebt' als so mancher Pensionist. Kein Wunder also, dass er nach dem Geburtsschock erstmal dicht bei Mama und Papa bleiben will.

Eine Kärntner-Stillberaterin, von der ich sehr viel halte, versicherte mir, dass man ein Baby nicht durch zuviel Tragen verwöhnen könne. Menschen sind biologisch gesehen Traglinge und auf ständigen Körperkontakt geeicht. Manche fordern dies selten oder nur phasenweise ein, andere, gerade die ganz Kleinen, brauchen dies die meiste Zeit.
Millionen jahrelang war der Verlust der Mutter ein lebensbedrohliches Ereignis, das nur mit Schreien nach Hilfe quittiert werden konnte. Säuglinge reagieren also rein instinkt- und emotionsgesteuert, nicht weil sie verwöhnt oder ihnen etwas angewöhnt wurde.
Körperkontakt ist ein angeborenes Grundbedürfniss von Babies. In 2/3 aller Länder der Welt werden Kinder die ersten Monate fast ausschließlich am Körper getragen, und das bereits seit tausenden von Jahren. Dagegen gibt es den Kinderwagen erst seit ca. 150 Jahren.

Finn lässt sich also nicht uns zufleiss soviel tragen, sondern weil noch ganz alte Instinkte in ihm schlummern und er sich bei uns am sichersten fühlt - ich nehms als Kompliment. Irgendwann wird er sich eh auf und davon über den Rand der Krabbeldecke hinaus davon machen und ich werd wehmütig an die Zeit zurückdenken, in der ich ihn stundenlang eng an mich gekuschelt durch die Welt tragen durfte.

Wer noch mehr zum Thema tragen von Babies wissen will, hier ein guter link:
http://www.tragefix.de/wissen/basiswissen/