Sonntag, 10. Oktober 2010

Diagnose Schreibaby

Wir haben jetzt die mehr oder weniger offizielle 'Diagnose' Schreibaby. Wobei mir der englische Ausdruck 'high-need baby' oder der französische 'bébé irritable' doch um einiges passender vorkommt. Denn ein Schreibaby ist weit mehr als ein Baby, das schreit. (Wer wissen will, was ein Schreibaby ist, dem empfehle ich das Buch 'Das 24h Baby' von William Sears.)

Eine Freundin, die mit ihrem Baby-für-Anfängereltern auf Besuch war, meinte: "Und, was hast jetzt davon, dein Baby so zu benennen?"
Ja, meine Liebe, ich hab SEHR VIEL davon, nämlich:
x die Gewissheit, dass nicht wir supermiese Versager-Eltern (à la der Ratschlag eines Familienmitglieds ich solle mich doch mal abisl entspannen, dann würde sich Finn auch beruhigen, somit inplizierend, ICH sei schuld dass mein Sohn unglücklich ist) sind, sondern Finn einfach etwas ab der Norm ist. und
x das Wissen, dass Finn auf seine Art und Weise normal (was heisst normal anyway??) ist und dass es sehr viele Familie und Eltern gibt, denen es genauso geht wie uns, dass es eine massive Einschränkung und unvorstellbare Anstrengung bedeutet, so ein Baby gross zu ziehen und dass es trotzdem noch alle irgendwie geschafft haben.

Wir waren jetzt bei 2 Kinderärzten, einer Homöopathin, einer Stillberaterin, einer Hebamme, einer Babypsychologin und 2 Osteopathen. Keiner konnte uns wirklich weiterhelfen, im Gegenteil, oft geht man noch verwirrter weg als vorher: Die Stillberaterin meint Baby mehr anlegen, die Osteopathin meint weniger oft. Die Babypsychologin meint Finn in den Kinderwagen stecken, der renommierte amerikanische Kinderarzt Sears sowie Carlos Gonzales ('In Liebe wachsen') meint Tragen soviel und sooft es geht. Beide Kinderärzte meinten Baby ruhig auch mal weinen lassen, sowas von 20. Jahrhundert da wir mittlerweile wissen, wie schlecht sich das Baby alleine weinen und schreien lassen auf sein Urvertrauen auswirkt und dass es sogar lebensgefährlich sein kann (SIDS). Die einen meinen Schlafen und Stillen nach Bedarf, die nächsten nach Plan. Eine ganz gscheite (=hirnlose) Kinderärztin fragte, ob er denn kein Dudu (=Lieblingsstofftier) hätte, dass ihn trösten könnte. Wo hat die depate Funsn studiert? Erstens sieht Finn nachts sowieso nichts wenn er aufwacht, zweitens suchen Babies nachts die Gesellschaft von Menschen, nicht Dingen (was ihnen seit tausenden von Jahren das überleben sichert) und drittens hat Finn mit seinen knapp 16 Wochen grad mal schauen gelernt geschweige denn eine emotionale Beziehung zu einem Stofftier eingehen.
Irgendwie glaub ich schon dass es auch an Belgien liegt. Immerhin sind hier alle davon überzeugt dass Babies mit 12 Wochen in die Kinderkrippe gehören. Um Unabhängigkeit und Eigenständigkeit zu üben und damit die Eltern auch ein Leben haben können. Ein so kleines Wesen KANN noch gar nicht unabhängig sein, soll von Natur aus nicht von seinen Eltern getrennt werden, noch muss es sich mit 3 Monaten selbst trösten oder alleine einschlafen können. Verdammt noch mal wie hirnverbrannt und degeneriert sind manche sogenannte 'Kinderexperten'? Wo sind eure Instinkte geblieben?

Wir kommen immer mehr zum Schluss dass uns im Endeffekt keiner wirklich helfen wird können sondern wir unseren eigenen Weg finden werden müssen. Mit einem high-need Baby (wird auf deutsch als 'besonders liebesbedürftiges Baby' übersetzt) gibt es keine magic bullet, keine Wunderformel. Das einzige was hilft ist Geduld, Humor, Liebe zwischen den Eltern und zum Kind, Ausdauer und die Hoffnung, dass er irgendwann mal gross wird.

Es ist schon traurig, dass Florian und ich die Zeit wo Finn so klein ist so gar nicht geniessen können und die Tage und Wochen zählen, die wir schon geschafft haben (Heute 16 Wochen - hurra!).
Wir haben letztens mal überlegt, welche Zeit uns am schlimmsten vorkam. Wir kamen zu dem Entschluss, dass uns jede Zeit als gleich schlimm und anstrengend vorkam: Im Juli waren die Nächte sehr sehr wild, im August stand sowieso alles Kopf, er hat nur gebrüllt, v.a. am Abend und im September fing dann das massive Nicht-Schlafen-wollen Problem an.
Ich bin oft frustriert weil ich mir die Karenz so ganz und gar nicht vorgestellt hab. Mit Finn können wir kaum das Haus verlassen, nicht mal mehr mit Jenti und ihm in den Park schaff ich es. Besuche sind immer ein Risiko. Wir essen kaum mehr miteinander. Ich muss um spätestens 8 mit Finn ins Bett, dann geht Flo's Arbeitstag weiter. Wir handeln uns wirklich nur von einem Tag zum nächsten.

Die Psychologin frage uns, ob wir uns an 1-2 Momente erinnern können, in denen wir Spass mit unserem Sohn hatten oder uns an ihm freuten. Flo und ich überlegten eine Weile und meinten dann unisono: "Am Sonntag ist er zum 1.x im Kinderwagen eingeschlafen. Jenti war an der Leine. Wir Hand in Hand. Für 30 Minuten fühlten wir uns wie eine normale Familie."