Sonntag, 7. August 2011

Warum ist das Gras immer grüner auf der anderen Seite?



Untertitel: (Un)Dankbarkeit

Seit geraumer Zeit debattiere ich mit einer meiner sehr guten Freundinnen wer denn das beschissenere Leben von uns hat. Sie will den Titel gern für sich in Anspruch nehmen, doch ich finde dass er mir mehr als gebührt. Das krass-perverse daran ist, dass wir die jeweils andere auch noch um das Leben der anderen beneiden.

Meine Freundin beneidet mich um Mann, Kind, Hund, kurzum um meine Familie.

Ich beneide sie wiederum um die Freiheit, machen zu können was sie will, wann sie will, wie oft, warum und wo sie will.

So bejammern wir uns regelmässig, wie schwer wir es haben und der jeweils andere bestärkt die andere dass frau sich doch auf die positiven Seiten des eigenen Lebens konzentrieren möge. Meist wird die Debatte wer denn nun das beschissenere Leben hat mit einem 'unentschieden' gefolgt von einem 'Das Gras ist halt immer grüner eh schon wissen' vertagt.

Warum ist denn das Gras der anderen immer soooo viel grüner? Ich habe diesbezüglich 3 mögliche Hypothese aufgestellt:

1. Der Mensch ist schlicht und einfach nicht dazu geschaffen, sich zurückzulehen und sich über seine Lebenssituation zu freuen. Weil das Streben nach mehr und anderem und steter Veränderung was Gutes ist, weil Stillstand für Menschen mit Hirn und Herz nicht erstrebenswert ist.

2. Es ist was Österreichisches (das negative Jammern soll uns ja im Blut liegen)?

3. (die derzeit favorisierte Hypothese): Ich bin einfach ein unglaublich undankbarer Fratz?

Aus etwas Entfernung betrachtet hab ich ja eigentlich das Glück der Welt gepachtet und bin wahrlich auf die Butterseite des Lebens gefallen:
Ich bin gesund. Ich arbeite in einem Bereich, der mir irrsinnig viel Spass macht und Sinn gibt und mir erlaubt, die Welt wenn auch nur einwenig besser zu machen. Ich verdiene nicht schlecht. Ich durfte studieren, Sprachen lernen und hab mit 30 Jahren schon mehr von der Welt gesehen (ca. 1/4 aller Länder dieser Erde!) als die meisten Menschen in ihrem gesamten Erden-Dasein.
Ich hab sehr gute Freundinnen und eine liebende Familie. Ich hatte das grosse Glück meinen Traummann heiraten zu dürfen. Ich habe einen gesunden wunderbaren Sohn und einen lustigen Hund. Nicht ein sondern drei gemütliche Zuhause.

Ein Aussenstehender würd sich jetzt denken 'Na im ernst, was hat die sich eigentlich zu beklagen?' Meine Freundin erinnert mich immer daran, dass viele Menschen auf der Welt sich genau das Leben wünschen, das ich habe. Irgendwie kann ich das nicht ganz glauben. Vielleicht auch weil unsere Situation in Ausland, ohne Familie und ohne Freunde besonders ist. Oder vielleicht stellen sich viele das Leben einer jungen Familie auch romantischer vor als es tatsächlich ist?

In der Theorie hat mein Leben mit Kind auch so ausgesehen: Kind schläft im Kinderzimmer, brav und durch. Vormittags tollt das Kind lachend auf der Wiese herum, jagt Schmetterlingen nach und sammelt Kieselsteine. Nach dem Essen schläft es 2h und dann treffen wir uns mit einer anderen jungen hippen Familie zum Grillen oder machen einen Ausflug.
In der Realität schaut das ganz anders aus: Finn schläft seit neuestem besser, sprich er wacht nur 2-3x nachts auf. Nur, nach 13 Monaten gestörten schlaflosen Nächten, lieg ich jetzt zu den 'typischen' Aufwachzeiten wach im Bett und warte dass mein Sohn aufwacht. Eine handfeste Schlafstörung hat sich manifestiert, klar, mein Körper und mein Kopf sind es nicht mehr gewöhnt, länger als max. 3h am Stück zu schlafen. Die Tage sind langweilig, mit Finn kann man noch nicht viel machen. Mit Jenti Gassi gehen, bisl am Spielplatz rumhirschen, bisl in Mutter-Kind-Runden rumgrebeln. Ihm zuschauen, wie er 10 Min. den Labello auf und zu macht und dessen Inhalt auf der Couch verschmiert. Gestern war ein halb-stündlicher Radausflug in unseren Haus-und Hofpark nebenan mit Hund und Kind das high-light des Tages. Kind wickeln, füttern, trösten, waschen, schlafen legen.
That's it. Ehrlich. Bitte wessen Traum ist das????????

Ich war früher nur unterwegs, ob auf Reisen, sportlich oder mit Freunden, hab mit Stammesfürsten in Pakistan gesprochen, den maledivischen Präsidenten zum Tee getroffen (ok, nicht alleine, schon klar) und bin für Hochzeiten meiner besten Freundinnen um den halben Erdball gereist. Ich hab ständig neue Leute kennengelernt, Berggipfel erklommen, auf Konzerten im Regen gezeltet und auf Raves getanzt bis die Wirkung nachließ ;). Hab Bücher gelesen, war über Aussenpolitik informiert. Ich hatte Zeit, Kraft, Energie und eine unbändige Lebenslust.

Ich vermisse meine Freiheit und den Kontakt zur Welt. Ich verblöde und vergammle völlig und es ist kein Ende in Sicht. Ich frag mich obs anderen Müttern auch so geht, zumindest manchmal? Und wenn nicht, warum nicht? Ist für mich das Mamaleben härter weil mein Leben davor nichts mit dem jetzigen Leben zu tun hat?

Ich mag Kinder (schon) gern, aber ich find 'nur' in Kinder grossziehen einfach keine Erfüllung und ich bin auch sicher nicht der Typ für die Kleinkindphase von 0-2Jahren.
Florian sagt ich sollte mehr im Hier und Jetzt leben und weniger über vergangene glohrreiche Tage trauern und nicht ungeduldig in die Zukunft schauen, wann er denn jetzt endlich schläft / geht / isst, etc.
Er meint nicht Finn sondern wir selber sind schuld, dass wir, seitdem er da ist, kaum was unternehmen. Und das obwohl wir vorher immer die Eltern bewundert haben, die mit ihren Kindern eben alles gemacht haben, was sie auch schon ohne Kinder gemacht haben. Doch so einfach ist das nicht. Reisen mit Finn ist unvergleichlich anstrengender als ohne ihn. 30 Min Babyschwimmen gehen ist ein major act. Viele Sachen machen mit ihm (noch?) keinen Spass oder sind einfach nicht möglich. Autofahren ist noch immer keine seiner Lieblingsbeschäftigungen und radfahren mit ihm bei diesem ständigen Sauwetter ist neben massiv unlustig auch scheiss-gefährlich.
So hocken wir halt zuhause, vertrödeln die Stunden und hoffen, dass das Jahr bald zu Ende geht. Weil wir uns von unserem anvisierten Leben in OÖ viel mehr Zufriedenheit erwarten. Obwohl ich dann das einzige, was mich jetzt noch über Wasser hält, aufgeben werde, nämlich meine Arbeit. Tja.

Abschließend möchte ich sagen, dass ich, auch wenn ich könnte, höchstwahrscheinlich mit niemandem auf dieser Welt tauschen würde. Aus dem einfachen Grund dass ich meine Familie über alles liebe. Und dass ich natürlich total dankbar bin für Florian, Finn und Jenti - 3 wunderschöne einzigartige Geschenke, die mir das Leben gemacht hat.
Aber trotzdem: für all die, die sich nichts sehnlicher wünschen als Kinder: Ja es ist ein Abenteuer, ein Kind das Leben zu schenken und ihm die Welt zu zeigen. Aber es bedeutet auch, auf viele Sachen verzichten zu müssen. Denn Freiheit und Familie sind, zumindest im Kleinkindalter, nicht miteinander vereinbar. Und so werd ich weiterhin das grüne saftige Gras auf der anderen Seite bewundern und mir mein eigenes Gras so kuschelig und fein wie möglich denken...